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Borretsch
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Borretsch (Borago officinalis), auch Boretsch geschrieben, auch als Gurkenkrautcite-ref-biolflor-1-0[1] oder Kukumerkraut bezeichnet, ist eine zur Familie der RaublattgewĂ€chse (Boraginaceae) gehörige Pflanze. Sie wird als GewĂŒrz- und Heilpflanze verwendet und trĂ€gt daher das Artepitheton âofficinalisâ. Sie ist ursprĂŒnglich im Mittelmeerraum beheimatet und wird seit dem spĂ€ten Mittelalter in Mitteleuropa kultiviert.
Contents
âą Namensherkunft
âą Beschreibung
âą Ăkologie
âą Lebensform
⹠BestÀubung
âą Vorkommen
âą Inhaltsstoffe
âą Verwendung
âą Imkerei
âą Geschichte
âą Quellen
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Namensherkunft
FĂŒr die gebrĂ€uchliche Bezeichnung Borretsch oder Boretsch (von mittelhochdeutsch boretsch; Synonym: lateinisch borago, geschrieben hĂ€ufig auch Borrago,cite-ref-2[2] gelegentlich auch Porrich und Borrichcite-ref-3[3]) gibt es eine Reihe unterschiedlicher ErklĂ€rungen. Einige Autoren leiten Borretsch vom lateinischen Wort borra, âGewebe aus rauer Wolleâ, ab und vermuten eine Beziehung zu den behaarten StĂ€ngeln und BlĂ€ttern. Andere Autoren sind der Meinung, der Name stamme vom arabischen abu r-rach, âVater des SchweiĂesâ, und verweisen auf die in der Volksmedizin genutzte schweiĂtreibende Wirkung des Borretsch. Gelegentlich wird Borretsch auch auf das keltische Wort borrach (= Mut) zurĂŒckgefĂŒhrt.
Der im Volksmund gelegentlich verwendete Name Gurkenkraut leitet sich vom charakteristischen Gurkengeschmack der BlĂ€tter ab. Weitere volkstĂŒmliche Bezeichnungen fĂŒr die Art sind Augenzier, Blauhimmelstern, HerzblĂŒmlein, Herzfreude, LiebĂ€uglein und Wohlgemutsblume. Daneben existieren die mittelhochdeutschen Trivialnamen Bernarga, Bernarghe, Borach, Borahe, Borets, Borrasie, Borrassye, Burrase, Burrasie, Porrasie, Porstasie, Puretsch, die mittelniederdeutschen Namen Barasie oder Baratze sowie die Bezeichnungen BeragĂ€ (Pinzgau), Burres, Burretsch, Gegenstrass, Guckunnerkraut (Augsburg), Porich, Porrist und Wohlgemuth (OstpreuĂen).cite-ref-pritzel1882-4-0[4]cite-ref-5[5]
Beschreibung
Vegetative Merkmale
Borretsch ist eine einjĂ€hrige krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von bis zu 70 Zentimetern. StĂ€ngel und LaubblĂ€tter sind borstig behaart. Die derben, dunkelgrĂŒnen LaubblĂ€tter sind bei einer LĂ€nge von 10 bis 15 Zentimetern lanzettlich bis eiförmig. Die unteren StĂ€ngelblĂ€tter sind rosettig gehĂ€uft, die oberen sind wechselstĂ€ndig.cite-ref-hegi1966-6-0[6] Sie haben einen 2 bis 8 Zentimeter langen Stiel, der bei den oberen BlĂ€ttern oft undeutlich ist.cite-ref-hegi1966-6-1[6] Die Blattspreite ist etwa 3 bis 10 Zentimeter lang und (0,5-) 2 bis 5 (-8) Zentimeter breit.cite-ref-hegi1966-6-2[6] Sie ist oft wellig und etwas runzelig und beiderseits behaart.cite-ref-hegi1966-6-3[6]
Generative Merkmale
Die BlĂŒtezeit reicht von Mai bis September. Der BlĂŒtenstiel ist 0,5 bis 2 Zentimeter lang.cite-ref-hegi1966-6-4[6] Sie sind abstehend bis nickend in etwas beblĂ€tterten, ziemlich armblĂŒtigen Wickeln, die aber oft zu umfangreichen Doldenrispen zusammengesetzt sind.cite-ref-hegi1966-6-5[6] Die zwittrigen BlĂŒten sind fĂŒnfzĂ€hlig mit doppelter BlĂŒtenhĂŒlle. Die fĂŒnf KelchblĂ€tter sind verwachsen, die Kelchzipfel sind linealisch, dicht rauhaarig sowie wĂ€hrend der Anthese sternförmig zurĂŒckgeschlagen. Die KronblĂ€tter sind anfangs rosafarben und fĂ€rben sich erst spĂ€ter wĂ€hrend der Anthese durch die Ănderung des pH-Werts leuchtend blau. Die Kronzipfel sind lanzettlich und spitz, die Kroneröhre ist sehr kurz.cite-ref-hegi1966-6-6[6] Die fĂŒnf blauen KronblĂ€tter tragen in der BlĂŒtenmitte Schlundschuppen. Die blaulila StaubblĂ€tter stehen so eng aneinander, dass sie einen Streukegel bilden. Die Staubbeutel sind etwa 7 Millimeter lang.cite-ref-hegi1966-6-7[6] Der Fruchtknoten ist oberstĂ€ndig und befindet sich ebenso wie der Griffel im Inneren dieses Streukegels. Die Klausenfrucht zerfĂ€llt in Klausen, die ausgereift etwa 5 Millimeter lang und dunkelbraun sind. Sie tragen eine halbkugelig vorgewölbte als weiĂer Ălkörper ausgebildete Pseudostrophiole.cite-ref-hegi1966-6-8[6]
Die Chromosomengrundzahl betrÀgt x = 8; es liegt Diploidie vor mit einer Chromosomenzahl von 2n = 16.cite-ref-oberdorfer2001-7-0[7]cite-ref-biolflor-1-1[1]
Ăkologie
Lebensform
Bei Borretsch handelt es sich um einen mesomorphen Therophyten und eine Halbrosettenpflanze.cite-ref-biolflor-1-2[1]
BestÀubung
Die BlĂŒten sind protandrisch (= vormĂ€nnlich).cite-ref-biolflor-1-3[1] Das bedeutet, dass zuerst die StaubblĂ€tter reifen und den Pollen freigeben, und anschlieĂend nach Verwelken der StaubblĂ€tter die Narbe reift und mitgebrachten Pollen bestĂ€ubender Insekten aufnehmen kann. Mit diesem Mechanismus wird die Wahrscheinlichkeit von SelbstbestĂ€ubung verringert.
Die blauen BlĂŒten verfĂŒgen ĂŒber leuchtende Strichsaftmale, die fĂŒr bestĂ€ubende Insekten sichtbar, fĂŒr den Menschen jedoch ohne Hilfsmittel nicht erkennbar sind. Neben Bienen suchen vor allem Hummeln die BlĂŒten auf. Die bestĂ€ubenden Insekten fliegen die nickenden BlĂŒten von unten an und halten sich dabei an den Schlundschuppen fest. BerĂŒhren sie die AuĂenseite des Streukegels einer im vormĂ€nnlichen Stadium befindlichen BlĂŒte, öffnet sich der Streukegel, und Pollen rieselt auf das Insekt herab. Bei BlĂŒten, die im weiblichen Stadium sind, ist der Griffel aus dem Staubblattkegel herausgewachsen. Insekten, die pollenbestĂ€ubt eine solche BlĂŒte besuchen, drĂŒcken dort den Pollen auf die Narbe des Griffels.
Fruchtbildung und Ausbreitung
Bei bestĂ€ubten BlĂŒten bildet sich in den vier FruchtfĂ€chern des Fruchtknotens jeweils ein hartes, einsamiges NĂŒsschen. An der Basis der Klausen befindet sich ein sogenanntes Elaiosom, ein Protein. Durch dieses Elaiosom sind die reifen Samen fĂŒr Ameisen als Nahrung interessant. Herabfallende Klausen, es sind die Diasporen, werden durch Ameisen eingesammelt und in die oft weit entfernten Baue verschleppt. Das Elaiosom wird dort von den Ameisen abgelöst und der unbeschĂ€digte Samen wieder aus dem Bau heraustransportiert. Diese Ausbreitungsstrategie wird als Myrmechorie bezeichnet.
Vorkommen
Der Borretsch kommt ursprĂŒnglich in Nordafrika, SĂŒd- und Osteuropa und in Westasien vor und ist in Nord- und SĂŒdamerika, in Australien, Neuseeland und auf den Azoren und Kanaren ein Neophyt.cite-ref-grin-8-0[8] Er ist im Mittelmeergebiet beheimatet und kommt dort vor allem auf BrachflĂ€chen vor. Die Pflanze wird in fast ganz Europa und Nordamerika kultiviert. Aufgrund dieser gezielten EinfĂŒhrung zĂ€hlt man sie zu den ethelochoren Pflanzen. Als GartenflĂŒchtling ist sie an einigen Orten verwildert. Verwildert wurde sie noch im Inntal bei Samedan in 1400 bis 1700 Meter Meereshöhe beobachtet.cite-ref-hegi1966-6-9[6]
Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3 (mĂ€Ăig feucht), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 3 (schwach sauer bis neutral), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), NĂ€hrstoffzahl N = 4 (nĂ€hrstoffreich), KontinentalitĂ€tszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).cite-ref-infoflora-9-0[9]
Nach Mitteleuropa gelangte der Borretsch im spĂ€ten Mittelalter. Er wurde zuerst in Frankreich kultiviert und gelangte von dort aus nach Deutschland. Im 16. Jahrhundert wurde die Pflanze in BauerngĂ€rten hĂ€ufig angebaut. Angepflanzt wird er auch heute noch in KrĂ€utergĂ€rten. Es existiert eine Kulturform mit weiĂen BlĂŒten.
Inhaltsstoffe
Borretsch enthĂ€lt kleine Mengen (etwa 2â10 mg pro Kilogramm getrocknete Pflanze)cite-ref-mcguffin1997-10-0[10] verschiedener Pyrrolizidinalkaloide (Amabilin, Intermedin, Lycopsamin, Supinin, Thesinin). Amabilin, Intermedin, Lycopsamin und Supinin gelten als toxisch fĂŒr die Leber. Daher ist nach Angaben des Bundesinstituts fĂŒr Risikobewertungcite-ref-11[11] ein regelmĂ€Ăiger Genuss von Borretsch nicht zu empfehlen. Ein gelegentlicher Verzehr gilt als unbedenklich, ebenso ein Verzehr der BlĂŒten und Samen sowie des aus den Samen gepressten Borretschöls, da diese die erwĂ€hnten Alkaloide nicht oder nur in Spuren enthalten.
Borretsch enthĂ€lt auĂerdem Schleimstoffe, Gerbstoffe, Harz, Saponin, Kaliumnitrat, KieselsĂ€ure, diverse FettsĂ€uren sowie Ă€therisches Ăl. Der Vitamin-C-Gehalt der frischen Pflanze betrĂ€gt 149,3 mg pro 100 g Frischegewicht.
Borretschsamen enthalten zwischen 26 % und 38 % Ăl. Dieses hat mit 17 % bis 28 % den höchsten bekannten Anteil an Gamma-LinolensĂ€urecite-ref-12[12] und enthĂ€lt auĂerdem 35â38 % LinolsĂ€ure, 16â20 % ĂlsĂ€ure, 10â11 % PalmitinsĂ€ure, 3,5â5,5 % GadoleinsĂ€ure (11Z-EicosensĂ€ure), 3,5â4,5 % StearinsĂ€ure, 1,5â3,5 % ErucasĂ€ure, etwa 1,5 % NervonsĂ€ure, sowie unter einem Prozent von ArachinsĂ€ure, BehensĂ€ure, PalmitoleinsĂ€ure, VaccensĂ€ure, MyristinsĂ€ure, EicosadiensĂ€ure und Alpha-LinolensĂ€urecite-ref-13[13].
Verwendung
Borretsch in der Pflanzenheilkunde
Als Heilpflanzen werden verwendet:
âą BorretschblĂŒten (Boraginis flos, Flores boraginis)
Sie enthalten Bornesit, Allantoin, Schleimstoffe, Kaliumsalze (bis zu 17 %).
In der Volksheilkunde wird die Arzneidroge angewendet bei Harnverhaltung, Fieber, Verschleimung der Atemwege, Durchfall sowie ferner bei EntzĂŒndungen, Rheumatismus, klimakterischen Beschwerden und zur Blutreinigung.
âą Borretschkraut, auch Gurkenkraut genannt (Boraginis herba)
Die Arzneidroge enthĂ€lt Gerbstoffe (ca. 3 %), KieselsĂ€ure (1,5â2,2 %), Schleimstoffe (bis zu 11 %) und Pyrrolizidinalkaloide.
Wegen des hohen Pyrrolizidin-Gehalts sollte die Arzneidroge nicht mehr pharmazeutisch angewendet werden, da diese Verbindungen genotoxisch und cancerogen wirken. Auch bei der Verwendung als KĂŒchengewĂŒrz ist Vorsicht angezeigt.
⹠Borretschsamenöl (Boraginis officinalis oleum raffinatum, Boraginis oleum, DAC)
Es enthÀlt FettsÀureglyceride mit einem hohen Anteil an ungesÀttigten FettsÀuren, insbesondere Gamma-LinolensÀure. Es wird bei atopischen Ekzemen (Neurodermitis) eingesetzt.
Borretsch in der Heilkunde
Borretsch symbolisierte Fröhlichkeit und Lauterkeit im Denken. Plinius schrieb: âich, Borretsch, bringe immer Freudeâ. Borretsch hatte den Ruf, die Lebensgeister zu wecken. So hieĂ es bei John Gerard in The Herball, or Generall Historie of Plantes (1597):
âHeute tun die Menschen die BlĂŒten in den Salat, um sich fröhlich zu stimmen und die Laune zu verbessern. Vieles kann man aus der Pflanze machen, was das Herz erleichtert, die Sorgen vertreibt und den Geist erhebt. Die BlĂ€tter des Borretsch, im Wein zu sich genommen, machen MĂ€nner und Frauen froh und glĂŒcklich, vertreiben Trauer, Langeweile und Melancholie, das haben bereits Dioskorides und Plinius bestĂ€tigt. Sirup aus BorretschblĂŒten ist gut fĂŒr das Herz, lĂ€sst die Melancholie vergehen und beruhigt die VerrĂŒckten.â
Diese positiven Eigenschaften sind aus pharmakologischer Sicht nicht nachvollziehbar; die potentielle ToxizitÀt der Pflanze lÀsst einen sorglosen Umgang mit ihr als bedenklich erscheinen.cite-ref-15[15]
Verwendung in der KĂŒche
Die BlĂ€tter des Borretschs werden in Salaten gegessen oder in Suppen gekocht, auch eine Zubereitung als GemĂŒse Ă€hnlich dem Spinat ist möglich. Aus den etwa drei Millimeter groĂen, dunklen Samen wird Borretschsamenöl gewonnen. Borretsch ist ein Bestandteil der GrĂŒnen SoĂe, die im Raum Frankfurt am Main (als Frankfurter GrĂŒne SoĂe), in Mittelhessen und im Raum Kassel nach unterschiedlichen Rezepten als typisches Gericht der hessischen RegionalkĂŒche zubereitet wird. Borretsch wird dort auf regionalen WochenmĂ€rkten, aber auch beim Lebensmittelhandel verkauft.
BlĂŒten und BlĂ€tter haben einen gurkenĂ€hnlichen, erfrischenden Geschmack. Sie eignen sich sehr gut zum Aromatisieren von kalten GetrĂ€nken. Feingehackt benutzt man die jungen BlĂ€tter als WĂŒrze fĂŒr Obstsalate und GemĂŒse.
Die blauen BlĂŒten sind essbar (sie enthalten deutlich weniger Alkaloide als die BlĂ€tter), haben einen sĂŒĂlichen Geschmack und werden gerne als Salatdekoration verwendet. Essig lĂ€sst die Farbe der BlĂŒten in rot umschlagen. Die BlĂŒten können kandiert werden und so SĂŒĂspeisen dekorieren. Die BlĂŒten werden dazu mit Eischnee bestrichen, mit Puderzucker bestreut und anschlieĂend getrocknet.
In Ligurien wird Borretsch zur FĂŒllung von Ravioli und Pansoti verarbeitet. In GroĂbritannien wird Borretsch vorwiegend mit dem Likör Pimmâs genossen und ist geschmacksgebender Bestandteil von Gilpin's Westmorland Extra Dry Gin.
Nicht zu verwechseln ist Borretsch mit persischem Borretschkraut (persisch ÚŻÙ ÚŻŰ§ÙŰČŰšŰ§Ù Gol-e GÄw-ZabÄn, âKuhzungenblumeâ) einem RaublattgewĂ€chs (Echium amoenum), dessen getrocknete BlĂŒten in Iran und seinen NachbarlĂ€ndern vor allem als Teedroge Verwendung finden, ebenso wenig mit Wiesen-BĂ€renklau, der frĂŒher als Bestandteil von Borschtsch Verwendung fand.
Imkerei
FĂŒr Imker zĂ€hlt der Borretsch zu den Bienenweiden. Sein Nektar hat einen Saccharose-Gehalt von 42 bis 53 Prozent, jede einzelne BlĂŒte produziert in 24 Stunden durchschnittlich 1,1 bis 1,3 mg Zucker.cite-ref-16[16] Von einem mit Borretsch bestandenen Hektar Ackerland lassen sich HonigertrĂ€ge zwischen 59 und 211 kg pro BlĂŒhsaison erzielen.cite-ref-17[17]
Nach dem Bundesinstitut fĂŒr Risikobewertung enthĂ€lt der Honig von Borretsch Pyrrolizidinalkaloide (Pflanzengifte), die von den Bienen ĂŒber den Pollen in den Honig eingetragen werden. Die Belastung sollte durch Beimischen von anderen, geringer belasteten Rohhonigen gesenkt werden.cite-ref-18[18]
Geschichte
Vom Mittelalter bis zum Beginn des 19. Jh. galten Zubereitungen aus Borretsch (Borago spec.) und aus Ochsenzungen (Anchusa spec.), insbesondere aus deren BlĂŒten, als wirksame Mittel zur âReinigung des Blutesâ von âverdorbener roter coleraâ und von âĂŒberschĂŒssiger melancoliaâ. Die dazugehörigen Krankheitsbilder waren HerzschwĂ€che, Herzrasen, Ohnmacht, Traurigkeit, Manie, âdreitĂ€gliches Fieberâ und âviertĂ€gliches Fieberâ. Beiden Pflanzen wurden die gleichen Wirkungen zugeschrieben.
Unter dem Namen âManus Christiâ galten Zucker-Verreibungen mit Destillaten aus Borretsch-BlĂŒten oder aus Ochsenzungen-BlĂŒten als Mittel gegen stĂ€rkste SchwĂ€chezustĂ€nde bei Krankheiten des Herzens und gegen âUnsinnigkeit durch die DĂ€mpfe der Melancholieâ. Adel und aufstrebendes BĂŒrgertum der frĂŒhen Neuzeit veredelten diese âChristus-HĂ€ndeâ durch die Zugabe von zerstampften Perlen und von fein verriebenem Gold. Zusammen mit DuftveilchenblĂŒten zĂ€hlten Ochsenzungen- und Borretsch-BlĂŒten zu den âdrei flores cardinales bzw. cordiales.âcite-ref-19[19] Zeitgenössische Fallbeschreibungen des Pseudo-Arnaldus de Villanovacite-ref-20[20] und des StraĂburger Wundarztes Hieronymus Brunschwigcite-ref-21[21] legen nahe, dass Zubereitungen aus Borretsch und Ochsenzungen auch zur Behandlung von Kranken eingesetzt wurden, die âvon Sinnen kamen, dass man sie binden musste.â
Zu Beginn des 19. Jh. wurden beide Pflanzen aus dem offiziellen therapeutischen Arsenal verbannt.cite-ref-22[22] 1991 veröffentlichte die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes eine (Negativ-)Monographie ĂŒber Boretsch-BlĂŒten und Boretsch-Kraut, in der insbesondere wegen der im Borretsch in wechselnden Mengen enthaltenen, toxischen Pyrrolizidinalkaloide eine therapeutische Anwendung von BlĂŒten und Kraut als nicht vertretbar beurteilt wurde.cite-ref-23[23]
Quellen
| Jahr â Jahrhundert | Autor â Titel des Buches | Indikationsangaben | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| 11. Jahrhundert | Constantinus africanus . De gradibus liber. [ 24 ] | Text: âBorrago ist heiĂ und feucht im ersten Grad. Er purgiert die rote Colera, hilft den Herzkranken und denjenigen, die von schwarzer Colera bedrĂ€ngt werden. In Wein eingelegt und als Trank gereicht, bewirkt er Fröhlichkeit. Seine Abkochung mit Honig oder Zucker getrunken, hilft gegen Krankheiten der Brust, der Lunge und der Kehle.â [ 25 ] | Dieser Text bildete â durch geringe ZusĂ€tze erweitert â die Grundlage fĂŒr die âBorrago-Kapitelâ der KrĂ€uterbĂŒcher bis zur frĂŒhen Neuzeit. |
| 12. Jahrhundert | Circa instans . [ 26 ] | Borago. HeiĂ und feucht im ersten Grad. Erzeugt gutes Blut. Ist gut gegen Kummer, Ohnmacht, Herzerkrankung, Melancholie, Herzstolpern, Epilepsie, und Gelbsucht. | |
| 13. Jahrhundert | Deutsche Macer . [ 27 ] | Borago heiĂt scharlei. Der weitere Text wurde wörtlich von Constantinus ĂŒbernommen. | Der Deutsche Macer gab dem âborragoâ den deutschen Namen âscharleiâ. |
| 13./14. Jahrhundert | Pseudo-Arnaldus de Villanova . Bewahrung und Bereitung der Wein. [ 28 ] | Borragen Wein. Herzerkrankung, Toben, Melancholie, Herz-Zittern, Blut-Reinigung, âböse Fantasieâ, RĂ€ude und Aussatz. Bringt Freude und lindert den Leib. StĂ€rkt das Sehvermögen. | |
| 15. Jahrhundert | BĂŒchlein von den ausgebrannten WĂ€ssern . [ 29 ] | Porragen wasser. Indikationen wie Rosmarin. LĂ€hmung und FlĂŒsse vom Haupt. | |
| 1484 | Herbarius moguntinus . [ 30 ] | Borago boriĂ. Beginn mit dem Text des Circa instans. ZusĂ€tzlich: Verstopfung der Milz und Melancholie bzw. Viertage-Fieber. [ 31 ] | |
| 1485 | Gart der Gesundheit . [ 32 ] | Borago Porrich. Macht gutes Blut. Schwindel. Herz-Zittern. GroĂe Fantasie und starke Melancolie mit Gefahr der Epilepsie. Gelbsucht. Porrich und Ochsenzungen zur KrĂ€ftigung. | |
| 1491 | Hortus sanitatis . [ 33 ] | Borago. A Bewirkt Fröhlichkeit und bekommt dem Herz wohl â B Reinigt die Wege der Lunge und des Halses â C Gut zur Erholung nach TrĂŒbsinn, SchwĂ€che und Herzerkrankung â D Erzeugt gutes Blut â E Purgiert die colera rubea, bekommt den Herzkranken und nutzt den an colera nigra Leidenden â F Erzeugt Fröhlichkeit â G Gut fĂŒr Lunge und Brust â H wie C â wie E. | |
| 1500 | Hieronymus Brunschwig . Kleines Destillierbuch . [ 34 ] | Burretsch. Kraut : A EntzĂŒndung nach Insektenstich â B Bauchgrimmen â C Bauchanschwellung â D Blutiger Durchfall â E Atemnot â F Dunkle Augen â G Ohrensausen â H KrĂ€ftigt das Herz â I StĂ€rkt das Hirn â K Manie â L Herz-Fieber â M Erfreut Herz und GemĂŒt. Blumen : A Blutreinigung â B Melancholie â C Herz-Stechen â D Vorbeugung gegen Aussatz â E LĂ€hmung â F FlĂŒsse vom Haupt â G Fieberhafte Erkrankungen â H Gelbsucht â I Hitze der Leber â K Blutreinigung anstelle von Aderlass â L Ăffnet Adern und Organe. | Brunschwig unterschied zwischen einem âzahmen borragoâ, das er als Borretsch ( Borago officinalis ), und einem âwilden borragoâ, das er als Ochsenzunge ( Anchusa spec.) deutete. |
| 1532 | Otto Brunfels . Contrafeyt KreĂŒterbuch. [ 35 ] | Burretsch. Ăbernahme der Indikationen von Brunschwig 1500. | Unter Berufung auf italienische Humanisten deutete Brunfels das âbuglossumâ der âAltenâ als die Pflanze, die zu seiner Zeit als âboragoâ angesehen wurde ( Borago officinalis ) [ 36 ] |
| 1539 | Hieronymus Bock . KreĂŒterbuch. [ 37 ] | Burres. KrĂ€ftigung in der Rekonvaleszenz nach Depression, Drei- und Viertagefieber, EntzĂŒndung und braune VerfĂ€rbung im Mund- und Rachenraum. | |
| 1543 | Leonhart Fuchs . New KreĂŒterbuch. [ 38 ] | Burretsch. Wie Bock 1539. | |
Historische Abbildungen
Siehe auch
Literatur
âą Angelika LĂŒttig, Juliane Kasten: Hagebutte & Co â BlĂŒten, FrĂŒchte und Ausbreitung europĂ€ischer Pflanzen. Nottuln: Fauna Verlag 2003, ISBN 3-935980-90-6.
âą K. Hiller, M. F. Melzig: Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen. 2. Auflage. 2010, Spektrum Akademischer Verlag, ISBN 978-3-8274-2053-4.
âą Avril Rodway: KrĂ€uter und GewĂŒrze. Die nĂŒtzlichsten Pflanzen der Natur â Kultur und Verwendung. Tessloff Verlag, Hamburg 1980, ISBN 3-7886-9910-8.
Weblinks
Commons
: Borretsch
â Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Borretsch
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
âą Borago officinalis L., Garten-Boretsch. auf FloraWeb.de
âą Steckbrief und Verbreitungskarte fĂŒr Bayern. In: Botanischer Informationsknoten Bayerns.
âą Thomas Meyer: Boretsch Datenblatt mit BestimmungsschlĂŒssel und Fotos bei Flora-de: Flora von Deutschland (alter Name der Webseite: Blumen in Schwaben).
âą Anbau und Pflege bei bio-gaertner.de.
âą Borretsch auf Gernot Katzers GewĂŒrzseiten.
Einzelnachweise
cite-note-biolflor-11. â Borretsch. In: BiolFlor, der Datenbank biologisch-ökologischer Merkmale der Flora von Deutschland.
cite-note-22. â Vgl. etwa Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft fĂŒr Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 137.
cite-note-33. â Otto BeĂler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 164 (âBorago â porrich, ..borrich Borrago â borraze, scharlachâ).
cite-note-pritzel1882-44. â Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, Seite 61, archive.org.
cite-note-55. â Vgl. auch Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in WĂŒrzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital WĂŒrzburg anlĂ€sslich der 425jĂ€hrigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital WĂŒrzburg (Druck: Bonitas-Bauer), WĂŒrzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 801: âBorragen Bureth Boragoâ, in Oeconomia von 1579.
cite-note-hegi1966-66. â Gustav Hegi: Illustrierte Flora von Mitteleuropa. 1. Auflage, unverĂ€nderter Textnachdruck Band V, Teil 3. Verlag Carl Hanser, MĂŒnchen 1966. S. 2230â2232.
cite-note-oberdorfer2001-77. â Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora fĂŒr Deutschland und angrenzende Gebiete. Unter Mitarbeit von Angelika Schwabe und Theo MĂŒller. 8., stark ĂŒberarbeitete und ergĂ€nzte Auflage. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2001, ISBN 3-8001-3131-5, S. 788.
cite-note-infoflora-99. â Borago officinalis L. In: Info Flora, dem nationalen Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora. Abgerufen am 9. Januar 2023.
cite-note-mcguffin1997-1010. â Michael McGuffin: Botanical Safety Handbook. CRC Press, 1997, ISBN 978-0-8493-1675-3, S. 20â21 (englisch, google.com).
cite-note-1111. â Volker Mrasek: Das Ende der grĂŒnen SoĂe?, Deutschlandfunk â Forschung aktuell vom 17. September 2013.
cite-note-1212. â National Non-Food Crops Centre. NNFCC Crop Factsheet: Borage, abgerufen im Februar 2011
cite-note-1313. â Sabine Krist, Gerhard Buchbauer, Carina Klausberger: Lexikon der pflanzlichen Fette und Ăle. 2. Auflage, Springer, 2013, ISBN 978-3-7091-1004-1, S. 89 f.
cite-note-1414. â Leos-Rivas C., Verde-Star M.J., Torres L.O., Oranday-Cardenas A., Rivas-Morales C., Barron-Gonzalez M.P., Morales-Vallarta M.R., Cruz-Vega D.E.: In vitro amoebicidal activity of borage (Borago officinalis) extract on entamoeba histolytica. In: Journal of Medicinal Food. 14. Jahrgang, Nr. 7â8, 2011, S. 866â869, doi:10.1089/jmf.2010.0164, PMID 21476887 (englisch).
cite-note-1515. â K. Hiller, M. F. Melzig MF: Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen. 2. Auflage. 2010, Spektrum Akademischer Verlag, ISBN 978-3-8274-2053-4.
cite-note-1616. â Helmut Horn, Cord LĂŒllmann: Das groĂe Honigbuch. 3. Aufl., Kosmos, Stuttgart 2006, ISBN 3-440-10838-4, S. 30.
cite-note-1717. â Josef Lipp u. a.: Handbuch der Bienenkunde â Der Honig. 3. neubearb. Aufl., Ulmer, Stuttgart 1994, ISBN 3-8001-7417-0, S. 38.
cite-note-1818. â Fragen und Antworten zu Pyrrolizidinalkaloiden in Lebensmitteln. (PDF) Bundesinstitut fĂŒr Risikobewertung, 4. August 2014, abgerufen am 12. November 2015.
cite-note-1919. â Hieronymus Brunschwig: GroĂes Destillierbuch. StraĂburg 1512, Blatt 151r-v (Digitalisat)
cite-note-2020. â Druck Esslingen 1478: Ochsen zungen wein. (Digitalisat)
cite-note-2121. â Kleines Destillierbuch. StraĂburg 1500, Blatt 85r-86r (Digitalisat)
cite-note-2222. â Jean-Louis Alibert. Nouveuax Ă©lĂ©mens de thĂ©rapeutique et de matiĂšre mĂ©dicale. 2. Auflage, Paris 1808, Band I, S. 579, Digitalisat Gallica
cite-note-2323. â Negativ-Monographie vom 12. Juli 1991: Boretsch-BlĂŒten und Boretsch-Kraut (Digitalisat)
cite-note-241. Constantinus africanus. De gradibus liber. Druck Basel 1536, S. 348, (Digitalisat)
cite-note-252. Konstantin der Afrikaner. Liber pantegni. Buch I, Kapitel 25. De humoribus. ⊠Cholera rubra ⊠Cholera nigra ⊠Druck Lyon 1515 (Digitalisat). Deutsche TeilĂŒbersetzung in: Lorenz Fries. Spiegel der Arznei. StraĂburg 1518, Blatt XXIv (Digitalisat)
cite-note-263. Druck Venedig 1497, Blatt 191r (Digitalisat)
cite-note-274. Heidelberg. Cpg 226. Elsass 1459â1469, Blatt 202r (Digitalisat)
cite-note-285. Druck Esslingen 1478 (Digitalisat)
cite-note-296. Druck BĂ€mler, Augsburg 1478 (Digitalisat)
cite-note-307. Kapitel 23 (Digitalisat)
cite-note-318. Lorenz Fries. Spiegel der Arznei. Blatt 172r: âTertiana vera welches ein feber ist von luterer colera rubra. ⊠Terciana nota ⊠daz mit der fĂŒcht colera flegma vermischt ist âŠâ[1] Blatt 172v: âQuartana vera kummet von fĂŒlung der natĂŒrlichen melancoly ⊠mit herte vnd verstopffung des miltz âŠâ[2]
cite-note-329. Kapitel 56 (Digitalisat)
cite-note-3310. Teil I, Kapitel 78 (Digitalisat)
cite-note-3411. Blatt 21v (Digitalisat)
cite-note-3512. Contrafeyt KreĂŒterbuch, S. 43 (Digitalisat)
cite-note-3613. Herbarum vivae eicones. 1530, S. 114 (Digitalisat)
cite-note-3714. Teil I, Kapitel 78 (Digitalisat)
cite-note-3815. Kapitel 51 (Digitalisat)